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Gesche Santen

FĂĽnf Minuten an die Decke gestarrt.


Hallo Reader,

ich habe neulich ein Buch zugeschlagen und bestimmt fĂĽnf Minuten einfach nur an die Decke gestarrt.

Nicht, weil ich traurig war. Nicht, weil mich etwas schockiert hat.

Sondern weil ich förmlich spüren konnte, wie sich in meinem Kopf etwas neu ordnete. Als würde das letzte Puzzleteil sanft an seinen Platz fallen.

Ausgelöst hat das Braiding Sweetgrass von Robin Wall Kimmerer – Botanikerin, Pflanzenökologin und Angehörige der Potawatomi Nation.

Eigentlich wollte ich vor dem Schlafengehen nur noch ein Kapitel lesen. Eine Tasse KĂĽmmel-Fenchel-Anis-Tee stand auf meinem Nachttisch, ich lag schon im Bett, und dann kam ich zu einer Passage ĂĽber Sweetgrass.

Braiding Sweetgrass

Robin Wall Kimmerer beschreibt darin, dass Sweetgrass (Hierochloe odorata) auf Flächen, die achtsam und nachhaltig geerntet werden, oft besser gedeiht als auf Flächen, die völlig unberührt bleiben. Dass verantwortungsvolle Nutzung und Fürsorge kein Widerspruch sein müssen. Dass auch wir Menschen Teil einer Beziehung sein können – nicht nur Beobachter/Schützer oder Ausbeuter/Zerstörer.

Ich musste das Buch zuklappen.

Denn plötzlich verstand ich etwas, worüber ich seit Jahren nachgedacht hatte.

Mich hat es immer gestört, wenn Pflanzen nur danach bewertet wurden, was sie für uns leisten: Welche Vitamine sie enthalten, welche Beschwerden sie lindern oder wie wir sie nutzen können.

Immer, wenn ich mich mir “Heilkräutern” oder “Essbare Wildkräuter” auseinander setzte und mehr lernen wollte, wurde mir erklärt das etwas “doch keine Unkraut sei”, WEIL “es Vitamin XY enthielt!”.

Das knirschte immer in meinem Gehirn.

Dabei sammle ich selbst Kräuter. Ich trockne Pflanzen für Tee, binde Räucherbündel und freue mich im Frühling über Baby-Giersch im Kräuterquark.

Mein Unbehagen galt nie der Nutzung.

Es galt der (verbreiteten) Vorstellung, dass eine Pflanze ihren Wert erst dadurch bekommt, dass sie für uns nützlich ist. Dass sie ihren Status als “Unkraut” erst verliert, wenn sie ihre Brauchbarkeit beweist.

Und genau dort hat dieses Buch etwas in mir verschoben.

Robin Wall Kimmerer schreibt einen Satz, der mich seitdem begleitet:

“Paying attention is a form of reciprocity.”

Aufmerksamkeit ist eine Form der Gegenseitigkeit.

Dieser Gedanke hat mich tief berührt. Vielleicht beginnt unsere Beziehung zur lebendigen Welt gar nicht damit, möglichst viel zurückzugeben.

Vielleicht beginnt sie damit, wirklich hinzusehen.

Mit offenen Augen.

Mit offenem Herzen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich: Genau deshalb male ich Pflanzen.

Nicht, um möglichst viele Arten zu kennen.

Nicht, um perfekte Aquarelle zu schaffen.

Sondern weil Malen fĂĽr mich eine Form von Aufmerksamkeit ist.

Wenn ich eine Pflanze zeichne, verbringe ich Zeit mit ihr. Ich entdecke Details, die ich im Vorbeigehen nie gesehen hätte. Ich lerne den Ort, an dem ich lebe, ein bisschen besser kennen.

Vielleicht beginnt genau dort das, was ich botanische Zugehörigkeit nenne. Nicht mit Wissen. Sondern mit Aufmerksamkeit.

(Botanische Zugehörigkeit ist für mich das Gefühl, die Pflanzen vor der eigenen Haustür so gut zu kennen, dass man sich mit einem Ort verwurzelt fühlt.)

Und genau deshalb liebe ich Gemalte Herbarien und botanische SkizzenbĂĽcher so sehr.

Sie sind fĂĽr mich viel mehr als ein Skizzenbuch. Sie sind eine Einladung, langsamer zu werden. Hinzusehen und sich ĂĽberraschen zu lassen. Und so den Pflanzen vor der eigenen HaustĂĽr immer wieder neu zu begegnen.

Das Buch hallt wirklich jeden Tag, seit ich es beendet habe, in mir nach. So viele Aspekte von der einfachen Wertschätzung von Pflanzen (und ihre Bedeutung in der Renaturierung), bis hin zum Konflikt (oder Harmonie?) von Wissenschaft und (Be)wundern (”wonder”).
In dem Buch geht es um Pflanzen… aber ich habe dabei mehr über mich gelernt. Ich werde es wohl noch einmal lesen und weiter an die Decke starren.

Währenddessen freue ich mich, wenn wir gemeinsam unsere botanische Zugehörigkeit wachsen lassen.

Frohes Entdecken und Malen,

Gesche

P.S.: Im September wird mein Kräuterjournal-Kurs (,der gerade “live” im Botanikum stattfand,) als Selbstlernkurs erscheinen.

Wenn dich dieser Gedanke anspricht und du Lust hast, diese Form der Aufmerksamkeit gemeinsam mit mir zu kultivieren, kannst du dich schon jetzt unverbindlich auf die Interessenliste setzen, dann bekommst du ne Mail, wenn es soweit ist.


Nicht lang schnacken, Pinsel schnappen!

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Gesche Santen

In meinem 🌿📝✨Feldnotizen Newsletter teile ich meine Gedanken und Prozesse rund ums Wildblumen malen in Aquarell. Dabei gibt es für dich eine geballte Handvoll praxisnaher Tipps - rund um Technik, Botanik und “nett zu dir sein, während du malst”. 💚

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